Info zu
Mendelssohns Psalm 42 und
Schuberts letzte Messe Es-Dur

Wurde die Es-Dur-Messe 1828 vom gerade 31-jährigen Komponisten im Angesicht des Todes komponiert (noch nach seinem letzten düsteren Liederzyklus „Die Winterreise“), ist Mendelssohns „Wie der Hirsch schreit“ 1838 in einer völlig anderen Lebensphase, nämlich während seiner Hochzeitsreise, entstanden. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass diese Psalmvertonung von einem von Anfang an „glücklichen“ Grundton durchzogen ist. Das Werk ist wie ein Zurückerinnern an bereits überstandene Lebenskämpfe und führt in seinem Verlauf zu einem unerschütterlichen Gottvertrauen („Harre auf Gott“), das in einer großartigen Schlussfuge seinen triumphalen Abschluss erfährt. Der an Bach und Händel geschulte Komponist erreicht hier einen Gipfel seiner Meisterschaft. 

Wie anders dagegen drückt Franz Schubert, dessen Todestag sich am 19. November zum 175. Mal jährt, in seiner letzten großen Messe seine „Sehnsucht nach dem Paradies“ aus! Er verlässt mit dieser Messe die überkommenen Muster der Messkomposition, durchsetzt diese mit persönlichsten Aussagen und Bekenntnissen und führt sie zu einer bis dahin unerhörten Intensität des Ausdrucks. 

Die Es-Dur-Messe ist ein visionäres gewaltiges Werk der Romantik voller Jubel und Monumentalität, gleichzeitig aber voller Verzagtheit, Verinnerlichung und mystischer Versenkung. Erschütternd erscheinen uns bei dieser letzten Kirchenkomposition die bedrohlichen Risse in Schuberts musikalischer Welt – unter der Glückseligkeit verbirgt sich oft abgrundtiefe Depression. Schon vom Kyrie an, das gespannt aber abwartend die Bitte um Erbarmen an einen Erlöser richtet, dessen Herrschaft auf Erden noch nicht sichtbar ist, spüren wir bei aller Hoffnung auf Erlösung ein ängstliches Zittern und Beben. Die zuversichtliche Heiterkeit eines Haydnschen Kyries scheint hier schon weit entfernt. 

Welche Welt tut sich dagegen im Gloria auf! Welche Höhen und Tiefen durchschreiten wir: Die jubelnden Fanfaren des Beginns, die blühende Melodik des Gratias, in der Mitte die pure Verzweiflung des Domine Deus in ihrer unerbittlichen Härte und Kälte, die kaum eine Hoffnung auf Erbarmen zuzulassen scheint und schließlich die erste der zwei erstaunlichen und komplizierten Fugen, die beweisen, wie genial sich der Komponist in seiner letzten Zeit noch mit der Fugentechnik auseinander setzte.

Welche Extreme der Ausdruckshaltung finden wir auch im Credo, das uns Schubert als unfassbares, ungreifbares Mysterium des Glaubens schildert. Im Zentrum dieses Glaubensbekenntnisses stehen als Schlüsselstellen des gesamten Werkes die beiden Szenarien der Geburt und der Kreuzigung (Et incarnatus und Crucifixus), die auf großartige Weise mehrfach musikalisch miteinander verkettet sind. Die Verknüpfung von Menschwerdung und Kreuz, Advent und Karfreitag, Glück und Leid durchzieht gleichsam wie zwei sich bedingende Kehrseiten menschlicher Existenz das Werk!

Nach den apokalyptischen Ausbrüchen des Sanctus ruht die Musik im Benedictus, es ist, als würde ein Fenster zum herbeigesehnten Paradies aufgestoßen.

Das erschütternde Agnus Dei hingegen ist nach dem Benedictus wie ein unerbittlicher Sturz in den Abgrund unserer zerrissenen Welt mit ihren Ängsten und Leiden. Es ist nicht nur Schuberts Leid, das Leben eines zweifellos Einsamen, es ist das Leid der ganzen Menschheit, dem wir gegenüberstehen. Schubert verwendet hierbei das charakteristische Kreuzmotiv, das wortwörtlich wenig später auch in seinem Heine-Lied „Der Doppelgänger“ erscheint: „... da steht auch ein Mensch und starrt in die Höhe und ringt die Hände vor Schmerzensgewalt...“

Das zaghafte Dona nobis pacem, die Bitte um Frieden erklingt bei Schubert zwar tröstlich und hoffnungsvoll, jedoch gleichsam auch zerbrechlich und instabil – für Schubert scheint der Friede wohl nicht gesichert, ja immer in Gefahr zu sein.

Michaela Prentl