Informationen zu
JUDAS MACCABAEUS


-> Inhalt
-> Hintergründe und Musik
-> biblische Hintergründe

 

Inhalt

Das Libretto von Thomas Morell geht im Wesentlichen auf das erste Buch der Makkabäer aus dem Alten Testament (apokryphe Schriften) zurück (1. Makk. 2-8). In ihm wird der jüdische Kampf gegen die Herrschaft der Seleukiden geschildert, die unter Antiochus IV. Epiphanes den Glauben und den Gottesdienst Israels auszurotten versuchten.

    Akt I

Die Israeliten beklagen den Tod ihres Führers Mattatias. Sie bitten Gott, ihnen einen Nachfolger zu schicken, der sie aus der Unterdrückung befreit und ihnen die Freiheit wiedergibt. Simon, einer der Söhne des Mattatias und Hoherpriester, verkündet, Gott habe seinen Bruder Judas Maccabaeus als neuen Heerführer auserkoren. Judas verspricht dem jüdischen Volk Frieden und Freiheit.

    Akt II

Die Israeliten jubeln Judas Maccabaeus zu, der die feindlichen Heere aus Samaria unter Apollonius und aus Syrien unter Seron geschlagen hat. Als ein Bote berichtet, dass König Antiochus ein ägyptisches Heer unter der Führung von Gorgias nach Judäa entsandt habe, überfällt Verzweiflung die Israeliten. Doch Simon und Judas stärken den Siegeswillen der israelitischen Truppen.

    Akt III

Der Tempel von Jerusalem ist zurückerobert und das Fest des Lichtes soll gefeiert werden. Ein Bote berichtet, wie Judas, der Makkabäer, den Rest der feindlichen Heere unter Nikanor bei Kapharsalama geschlagen habe. Der Sieger zieht im Triumph in Jerusalem ein und gedenkt der im Kampf Gefallenen. Von einer Mission in Rom kehrt der israelitische Gesandte Eupolemus mit einem Vertrag zurück, der die Unabhängigkeit Judäas garantiert. Die Israeliten danken Gott und preisen den Sieger, der ihnen die Hoffnung auf Frieden und Wohlstand zurückgegeben hat.

Hintergründe und Musik

Das Jahr 1745 war für Händel wie für England ein Schicksalsjahr und so verwob sich bei der Entstehung des Judas Maccabaeus die Geschichte Händels mit der Englands. Händels Zukunft als Musiker hing wieder einmal an einem seidenen Faden, nachdem er mit den Oratorien Samson und Belshazzar bittere finanzielle Einbußen erlitten hatte. Die wundervoll reichen musikalischen Werke hatten beim breiten Publikum kaum Anklang gefunden. Zur selben Zeit verstärkte sich auf politischer Ebene der Gegensatz zwischen katholischen Schotten und reformierten Engländern und es kam schließlich 1745 zu einem Krieg, der in der Schlacht von Culloden unter dem Herzog von Cumberland sein blutiges Ende fand. Der Ausgang dieses grausamen Krieges war gewiss kein Ruhmesblatt für England.

Nichtsdestoweniger nutzte Händel die Situation zu einem Siegesoratorium, das ihn seiner finanziellen Schwierigkeiten entheben sollte. Mit Judas Maccabaeus traf Händel nicht nur den Hörgeschmack der Musikspezialisten, sondern auch den der breiten Volksschichten. Das Stück wurde sehr schnell ein „Straßenfeger“. Nicht umsonst ist neben dem Judas Maccabaeus das Volk, der Chor, der Hauptprotagonist des Oratoriums. Händel zeichnet mit unfassbarer Genialität in seinen Chören ergreifende Totenklage voller Schmerz (Trauerszene des Anfangs), glühende Leidenschaft in der Hoffnung auf Freiheit, Mut und Entschlossenheit zum scheinbar aussichtslosen Kampf (Ende 1. Akt), Überschwang und sphärische Himmelsmusik („Tune your harps“), dann wiederum tiefste Depression („Wretched Israel“) und schließlich ekstatischen Jubel über die wunderbare Rettung durch Gott. Daneben sind anonymen Handlungsträgern aus dem Volke, dem israelitischen Mann (Alt) und der israelitischen Frau (Sopran), wichtige Arien und Melodien zugeordnet.

Nur zwei mit Namen genannte Personen kommen wirklich in diesem „Volksdrama“ vor: Judas Maccabaeus (Tenor) repräsentiert in seinen mitreißenden Arien den kriegerischen Helden - wie der Opernkomponist Händel erst am Ende des 2. Aktes in der berühmten Arie „Sound an alarm“ die aufgesparten Trompeten und Pauken zum ersten Mal wie aus dem Nichts erklingen lässt, ist von unglaublicher Wirkung! Sein Bruder Simon, der Hohepriester (Bass), der zu Gott gewandten Gebeten mahnt, bringt hingegen einen meditativen tröstenden Charakter in die Handlung und in die Musik mit ein.

Vielleicht liegt der überwältigende Erfolg des Judas Maccabaeus durch die Jahrhunderte nicht allein in seinem musikalischen Reichtum, sondern in der revolutionären Idee begründet, das Volk als Akteur und als Handlungsträger in die Mitte eines Dramas zu rücken.

Michaela Prentl

Die biblischen Hintergründe von „Judas Maccabaeus“

 

Die Darstellungen von Krieg und blutigem Kampf einerseits und von fester Glaubenstreue sowie unbedingtem Gottvertrauen andererseits ist in den Makkabäerbüchern der Bibel eine eigenartige Verbindung eingegangen. Beide Bücher berichten über den Kampf der frommen Juden unter der Führung der Makkabäerfamilie im 2. Jh.v.Chr. gegen die fremde Herrschaft und Kultur der Seleukiden, Nachkommen von Seleukus I. Nikator, ehemals General von Alexander dem Großen.

 

Für das Verständnis der Makkabäerbücher ist es hilfreich, sich die zeitgeschichtlichen Hintergründe zu vergegenwärtigen. Der große gesellschaftliche Umbruch im Vorderen Orient kam durch die Begegnung und Konfrontation zwischen der hellenistischen Kultur und der palästinisch-jüdischen Kultur im Zuge der Eroberungen Alexanders des Großen (4.Jh.v.Chr.). Das jüdische Volk blieb in seinem religiösen Traditionsleben von den Umwälzungen zunächst wenig berührt. Doch etwa um das Jahr 200 v.Chr. wurde das Land Judäa zu einem heftig umkämpften strategischem Gebiet zwischen den Seleukiden mit Sitz in Antiochien (Syrien) und den Ptolemäern mit Sitz in Alexandria (Ägypten). Nach zahlreichen Kriegen fiel die Provinz Syrien-Palästina ganz an den seleukidischen König Antiochus III. Er gewährte zwar den Juden finanzielle Unterstützungen und bestätigte die traditionelle Glaubensverfassung, die Tora. Jedoch versuchten sowohl er als auch seine Nachfolger immer wieder dadurch Geld zu verschaffen, dass sie Tempelschätze konfiszierten.

 

Als im Jahre 175 v.Chr. Antiochus IV. Epiphanes auf den Thron kam, wollte er als begeisterter Anhänger hellenistischer Lebensweise das Reich des Alexander erneuern. Um dieses Ziel zu erreichen, scheute er sich nicht davor, die frommen toratreuen Juden zu provozieren, indem er sich in die Besetzung des Hohenpriesteramtes  einmischte. Nach seiner Rückkehr aus einem Kriegszug gegen Ägypten fand Antiochus IV. die Stadt Jerusalem in Aufruhr. Daraufhin plünderte er den Tempel und ließ die heiligen Geräte wegbringen, so dass das religiöse Leben im Tempel nicht mehr möglich war. Außerdem errichtete Antiochus in der Nähe des Tempels eine Militärsiedlung, verbot die Ausübung der jüdischen Religion und ordnete die Aufstellung von Altären für andere Götter an. Der Gipfel wurde erreicht, als auf dem Brandopferaltar im Tempel ein heidnischer Aufsatz angebracht wurde – eine absolut ungeheuerliche Provokation für die frommen Juden. Die Heiligkeit des Tempels, der Stadt und des Landes war endgültig dahin.

 

Doch lange bevor es zu dieser Ungeheuerlichkeit kam, fand König Antiochus für seine hellenistische Politik unerwartet Verbündete innerhalb des jüdischen Volkes. Die vornehmen Familien, vor allem der herrschenden Priesterklasse, wollten nicht mehr inmitten der glänzenden hellenistischen Kultur als rückständig gelten, sondern vielmehr mit der Zeit gehen und sich anpassen. Daher reduzierten sie die Tora auf den rein religiösen Gehalt und stellten die jüdischen Glaubenstraditionen, wie Speise- und Reinheitsvorschriften, Sabbat und Beschneidung, in Frage. Diese jüdischen „Hellenisten“ gewannen den König für ihre Reformpläne, die alte jüdische Gesetzestradition durch die griechische Lebensart zu ersetzen. Fast wäre es ihnen gelungen. Doch sie scheiterten am Widerstand der Makkabäerfamilie und ihrer Anhänger, die es schafften, Herren des Landes zu werden und in der Folge sogar – wenn auch nur für wenige Jahrzehnte – das Reich Davids wieder zu errichten.

 

Sowohl die innerjüdischen Auseinandersetzungen um die Abschaffung der jüdischen Glaubenstraditionen als auch die Vergeltungsschläge des Königs Antiochus IV. bis hin zur Entweihung des Tempels führten Ende 167 v.Ch. zum Aufstand der Makkabäer. Niemand kann heute wissen, wie die Geschichte der Juden weiter gegangen wäre, wenn dieser Aufstand gescheitert wäre. Dennoch sei mir der Gedanke erlaubt: Vielleicht verdanken wir es den Makkabäern, dass die Geschichte des Judentums überhaupt weiterging und damit die Geschichte des

Christentums ermöglicht wurde.

 

Das heutige Judentum betrachtet die Makkabäer als heldenhafte Vorbilder. Bis heute ist das Chanukka-Fest als Lichterfeier zur Erinnerung an die Wiedereinweihung des Tempels durch Judas Makkabäus eine lebendige jüdische Tradition. Diese achttägige Feier findet heuer vom 8. bis 15. Dezember statt.

 

Charles Borg-Manché