Info zu
Bachs
Johannes-Passion
In seinem Amt als Thomaskantor von Leipzig komponierte Johann Sebastian Bach
seine Johannes-Passion im Frühjahr 1724 und setzte so die feste Tradition seines
Amtsvorgängers Johann Kuhnau fort, am Karfreitag Passionsmusiken abwechselnd in
St. Thomas und St. Nicolai aufzuführen.
Textgrundlage des Werkes ist die Schilderung der Passion Jesu nach dem 18. und
19. Kapitel des Johannes-Evangeliums, das an zwei Stellen durch Passagen aus dem
Matthäus-Evangelium ergänzt wird. Die meditativen Choräle sind bekannte
Kirchenliedstrophen aus der damaligen Zeit, die Texte der Arien stammen von
einem unbekannten Verfasser, wohl aus älteren Passionsdichtungen entlehnt bzw.
umgeformt, vielleicht sogar von Bach selbst.
Aus der Textgrundlage des Johannes-Evangeliums ergibt sich die Gesamtkonzeption
des Werkes, denn der dramatische Ablauf der geschilderten Ereignisse ermöglicht
nur an wenigen Stellen die Eingliederung von betrachtenden Arien und Ariosi,
also von reflektierenden Momenten. So häufen sich am Anfang und am Schluss die
Arien, im dramatischen Mittelteil fehlen sie gänzlich, dafür drängen sich da die
Turbachöre, also die Volkschöre, die in einer symmetrischen Anlage um den
zentralen Choralsatz „ Durch dein Gefängnis Gottes Sohn“ geordnet sind, um so
die Spannung und Dramatik noch zu verdichten. Bestaunenswert in der
Johannes-Passion ist aber nicht nur die grandiose Architektur des Werks, sondern
noch mehr die unglaubliche Fülle kompositorischer Details, die den Text
musikalisch abbilden und deuten.
Die Leidensgeschichte des Johannes unterscheidet sich ganz wesentlich von der
des Evangelisten Matthäus, die Bach nur wenige Jahre später vertont hat.
Der Christus des Johannes-Evangeliums ist kein Schmerzensmann wie bei Matthäus,
er ist der von Gott Gesandte, der auf Erden einen Auftrag erfüllt. „Zu aller
Zeit, auch in der größten Niedrigkeit“ am Kreuz bleibt er der Herrscher.
Konsequent ist Bach in seiner Musik dieser besonderen johanneischen
Christusdarstellung gefolgt. Schon der Eingangschor „Herr, unser Herrscher, wie
herrlich ist dein Name“ ist keine schmerzliche Klage, sondern ein
leidenschaftlicher Lobpreis auf die Größe Gottes. Aber auch an vielen anderen
Stellen der Passion (z.B. in der Arie „Es ist vollbracht“) leuchtet bei aller
Trauer und allem Schmerz der Sieg des Lichts über die Finsternis in Bachs Musik.
Auch die erhabenen Christusworte selbst werden von Bach mit genau treffender
Musik versehen, nämlich nur mit so genannten „Secco- Rezitativen“ musikalisch
gezeichnet. Dem Ruhepol der hehren Person des Christus stellt Bach als Gegenpol
stark emotional bewegte Figuren gegenüber. Nicht nur der Evangelist erzählt die
Leidensgeschichte mit außerordentlicher Expressivität, auch das hasserfüllte
Volk, die grausamen Kriegsknechte, die rechthaberischen Hohenpriester, der
angstvolle Pilatus und der verzweifelte Petrus werden von Bach mit bewegender
Musik bedacht.
Ganz ans Ende der Passion, nach dem ergreifenden Grabgesang „Ruht wohl“ setzt
Bach noch den schlichten Schlusschoral „Ach Herr lass dein lieb Engelein“ und
nimmt so den Erlösungs- und Lichtgedanken, der die Komposition eröffnet und
durchzieht, nochmals auf.
Michaela Prentl