Informationen zum Konzert am 26.11.2017


 

Es ist ein rätselhaftes Phänomen der Musikgeschichte, dass ausgerechnet die beiden bedeutsamsten geistlichen Werke Mozarts, seine große c-moll-Messe und sein Requiem unvollendet geblieben sind.

 
Blieb das Requiem ein Torso, weil Mozart bekanntlich durch seinen frühen Tod an dessen Vollendung gehindert wurde, so sind die Ursachen im Fall seiner letzten Messvertonung, der großen Messe c-moll, weniger eindeutig zu bestimmen.

Zwei Gegebenheiten beeinflussten Mozart bei der Konzeption und Komposition der c-moll Messe: Zum einen hat sich Mozart in der Entstehungszeit der c-moll Messe durch die Begegnung mit dem Wiener Mäzen Baron von Swieten viel mit der Musik Händels und Bachs beschäftigt und es scheint so, als habe er in seiner letzten Messkomposition alle Stile der alten und neuen Kirchenmusik in einem gewaltigen Werk bündeln wollen.
Zum anderen heiratete Mozart 1782 ohne Einverständnis seines Vaters in Wien die Sängerin Constanze und legte das Gelübde ab, nach der glücklich überstandenen Geburt seines ersten Kindes eine große Messe zu komponieren. Die Aufführung war anlässlich der ersten Reise mit seiner Frau zu seinem Vater nach Salzburg geplant.
Doch dann stirbt das bei einer Amme zurückgelassene Baby und Mozart bricht die Komposition ab – genau im »Et incarnatus est«, einem der schönsten und innigsten Sätze Mozarts, in dem es auch noch ausgerechnet um die Menschwerdung, also um die Geburt geht! So fehlen in der c-moll-Messe gewichtige Teile wie das »Crucifixus«, das »Et resurrexit«, das »Agnus Dei« und das »Dona nobis pacem« völlig.
Und doch unterscheidet sich die c-moll Messe von allen vorher entstandenen Messkompositionen Mozarts grundlegend, ja sie lässt alles bisher in diesem Genre geschriebene hinter sich. Während die früheren, in Salzburg entstandenen Mozartmessen den liturgischen Text mit sicherlich wunderbarer Musik umkleiden, lebt die c-moll Messe von der musikalischen Auslegung des Worts, ja von einer Dramatisierung des Messtextes. So wird jeder Textgedanke von Mozart zu einem eigenständigen, unverwechselbaren musikalischen Bild verarbeitet, das sowohl im großen Zusammenhang als auch im Detail in höchstem Grad bestaunenswert ist.

So ist Mozarts großes Werk in der musikgeschichtlichen Stellung der Messkomposition zwischen Bachs »h-moll Messe« und Beethovens »Missa solemnis« von singulärem Rang.

Dass Mozarts letztes Werk ein Requiem ist, sein Requiem, geschrieben vor seinem Tod und vom Tod zerrissen, ein Fragment am Ende eines viel zu früh verglühten Lebens – diese Summe der Symbole lädt die unfertige Partitur wie zu einem Magneten auf, der Legenden und Mutmaßungen geradezu magisch anzieht: So die Geschichte vom geheimnisvollen Boten aus dem Jenseits, der bei Mozart ein Requiem bestellt haben soll und Mozart auf diese Weise seine Totenmesse für sich selbst komponiert habe. Was wir tatsächlich wissen ist, dass Graf Franz von Walsegg zum Gedenken an seine 1791 verstorbene Frau über eine Wiener Rechtsanwaltskanzlei bei Mozart gegen ein beträchtliches Honorar die Komposition eines Requiems bestellte, allerdings anonym und unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Der Graf hatte nämlich die zwielichtige Eigenschaft, die bezahlten Partituren abzuschreiben und dann als eigene Schöpfungen auszugeben! Den Auftrag anzunehmen und auszuführen war jedoch zweierlei in jenem letzten, überaus schaffensreichen Jahr Mozarts. Die Arbeiten an seinen letzten beiden Opern »Titus« und »Zauberflöte«, an seinem Klarinettenkonzert mussten fertig gestellt werden, so dass Mozart erst im September 1791 mit der Niederschrift seines Requiems begann. In dieser Zeit, immer wieder von Krankheit und Schwäche gezeichnet, fing Mozart an vom Tod zu sprechen und behauptete, dass er das Requiem für sich schriebe. Mozart soll unter Tränen noch auf seinem Sterbebett am »Lacrimosa« gearbeitet haben, bevor er am 5. Dezember 1791 verstarb.

So konnte Mozart lückenlos nur die Partitur des Introitus und das Kyrie hinterlassen. Die Sätze der Sequenz vom »Dies irae« bis zum »Lacrimosa«, das Offertorium »Domine Jesu Christe« und das »Hostias« lagen im vierstimmigen Vokalsatz mit beziffertem Bass und stichwortartigen Motiven zu den Orchesterpartien vor. Nach Mozarts Tod versuchten sich mehrere Komponisten, so Joseph Eybler und Abbé Maximilian Stadler an der Fertigstellung von Mozarts Requiem, aber nach einigen Versuchen gaben sie alle auf. Erst Franz Xaver Süßmayr traute sich zu, das ganze Werk zu vollenden. Auch wenn ihm die Genialität Mozarts fehlte und ihm die neu hinzu komponierten Sätze »Sanctus«, »Benedictus« und »Agnus Dei« mit wechselnden Glück und mäßigem Geschick gelangen, so ist ihm doch zu verdanken, dass Mozarts Requiem in seiner vollständigen Form heute für uns zugänglich ist. Mozarts Requiem – es bleibt sein Werk trotz aller Ergänzungen – ist durch seinen Rang als »Opus ultimum« nur mit dem Ende identifizierbar, dem Abschied, der Vergänglichkeit, dem Tod. Unausdenkbar, welche

Musik Mozart noch geschrieben hätte, wenn er länger gelebt hätte: Nicht nur die Vollendung seiner c-moll Messe als auch seines Requiems wäre uns geschenkt – was hätte Mozart darüber hinaus für die geistliche Musik des anbrechenden 19. Jahrhunderts bewirken können!

Michaela Prentl

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