Informationen zum Konzert am 29.11.2015
 

“Israel in Egypt” ist eines der ungewöhnlichsten, jedoch auch faszinierendsten Werke Händels und steht in seinem gewaltigen Schaffen wie ein monumentales Schlüsselwerk da.

In den Jahren 1737-39 nach dem ruinösen Bankrott seines Opernunternehmens in London – in dieser Zeit erlitt Händel auch einen völligen körperlichen Zusammenbruch – suchte er in den erstmals in der Muttersprache der Menschen einer Wahlheimat, also in Englisch komponierten Oratorien „Saul“ und“ Israel in Egypt” nach neuen musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten.
Er bündelte seine neu gefundenen Kräfte in dem unmittelbar danach entstandenen „Messiah“.

Das so andersartige “Israel in Egypt” erzählt die ereignisreiche Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten und die wundersame Rettung des Volkes Israel durch Gott. Das in die Knechtschaft verschleppte Volk Israel wird von den ägyptischen Herren unterdrückt, träumt von der Befreiung vom Joch der Ägypter und fleht zu Gott um Hilfe. Gott erhört das Flehen seines Volkes und schickt den Unterdrückern die berühmten zehn Plagen.

Im ersten Teil wird in überaus effektvollen Chorsätzen von Pest, Fleckfieber, Geschwüren, Fliegen, Läusen, Hagelstürmen, Feuer und Finsternis erzählt. Die geballte Chorwucht dieser großartigen Musik überraschte das damalige Publikum und überrascht und überrumpelt das Publikum noch heute. Die gesamte Textvorlage des Oratoriums ist wie bei seinem „Messiah“ komplett der Bibel entnommen (2. Buch Moses sowie die Psalmen 78, 105 und 106).
Interessant ist, dass sich von den insgesamt vier Arien lediglich eine einzige im ersten Teil findet, was eine Konsequenz der textlichen Vorgabe darstellt, denn der Aktionismus der Handlung des ersten Teils eignet sich eben nicht für den eher kontemplativen Charakter von Arien.

Wo im ersten Teil alle musikalischen Mittel in den Dienst der Situationsschilderung gestellt werden, wird im zweiten Teil der theatralische Gestus zurückgenommen und die Musik selbst und ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten in den Vordergrund gestellt.

Im ersten Teil “geschieht” laufend etwas bzw. es wird kommentarlos berichtet, im zweiten Teil hingegen (es handelt sich um das gesamte 15. Kapitel des 2. Buches Moses, den sog. “Moses Lobgesang”) wird über das so unfassbare Geschehen reflektiert.

Immer wieder wird nuanciert, farbenreich und tonmalerisch das Wunder des Durchzugs durch das Rote Meer und der Untergang der pharaonischen Reiterei besungen.
So entsteht eine große Spannung zwischen den beiden so unterschiedlich gestalteten Oratorienteilen.

Wirklich einzigartig sind in diesem Oratorium eben nicht nur der berühmte Hagelchor oder der Mückenchor (mit seinen schwirrenden Violinfiguren), jeder einzelne der äußerst differenziert gestalteten Chöre hat seine eigene Prägnanz und Charakteristik, alles überbordet gleichsam von ganz neuen musikalischen Einfällen und Experimenten. Händel erschuf hier gleichsam die Gattung des “Chororatoriums” als seine ureigenste Schöpfung, weit abseits von der Form der Oper.


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