Den 250. Todestag Händels (1685 – 1759) nehmen wir zum Anlass, den Schwerpunkt des diesjährigen Konzerts, das die Themen des zu Ende gehenden Kirchenjahres Tod und Ewigkeit umkreist, auf den Barockmeister Georg Friedrich Händel zu legen.
Zwei seiner Chorkompositionen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, werden Sie hören: das jugendlich-dramatische, mit ungeheuer musikalischer Sprengkraft fast zerberstende Meisterwerk „Dixit Dominus“, das Händel auf seiner Reise nach Italien als Zweiundzwanzigjähriger schrieb, und das eindringlich kummervolle, ergreifende, schon den Altersstil Händels kennzeichnende „Funeral Anthem“ von 1737 für „Queen Caroline“. Zwischen diesen beiden Händelwerken erklingt Johann Sebastian Bachs frühe Kantate „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“, die nicht nur inhaltlich in Verbindung zu Händels „Funeral Anthem“ steht.
Das „Funeral
Anthem“, das auch als Händels „Requiem“ bezeichnet wird, könnte auch den
Titel „Musik für Leben und Tod einer Königin“ tragen.
Händel lernte Queen Caroline, eine geborene Prinzessin von Brandenburg, schon
früh in Hannover kennen und in der Händelliteratur ist mehrfach von einer
besonderen Beziehung der beiden die Rede. So ist es nicht verwunderlich, dass
gleich zwei größere Vokalwerke mit Caroline in Zusammenhang gebracht werden, das
„Caroline Te Deum“ und eben die zu hörende Begräbnismusik.
Das Werk entstand unmittelbar nach dem zu frühen Tod der Königin 1737, der Text
ist eine Zusammenstellung aus Bibeltexten des Alten Testaments, die von Edward
Willes, dem damaligen Vize-Dekan von Westminster Abbey vorgenommen wurde.
Herrschen zu Beginn des Werkes Trauer, Klage und Schmerz über den Verlust der
Verstorbenen vor, wird dann ihrer Güte, Gerechtigkeit und Beliebtheit im Volk
gedacht und endlich mündet das Werk in Gedanken des Trostes und der Zuversicht
für alle Gerechten.
Besonders bemerkenswert erscheint mir, dass Händel sich bei einem Auftragswerk
für einen offiziellen Anlass des englischen Hofes und das er zu einer Zeit
komponierte, als er schon 25 Jahre in England lebte, auf die Musiktradition
seiner Heimat beruft. Händel verwendet nämlich unübersehbar symbolische Melodien
deutscher Choräle in seiner Komposition – so z.B. gleich im Eingangschor, in dem
die erste Phrase des Chorals „Wenn mein Stündlein vorhanden ist“ zitiert wird,
einem Lied, das in Deutschland bei Beerdigungen damals üblicherweise gesungen
wurde.
Der Hauptanlass für diese zahlreichen Bezüge zur deutschen Musiktradition mag
gewiss die enge persönliche Beziehung zu der verstorbenen Königin gewesen sein -
für Händel galt es wohl, gemeinsame musikalische Erinnerungen herauf zu
beschwören.
Das „Funeral Anthem“, das völlig zu Unrecht so selten aufgeführt wird, ist ein
Werk voll von musikalischem Reichtum: Trauer, Schmerz, liebevolles Erinnern,
strahlende, optimistische Hoffnung auf ewiges Leben – all diese großen Gefühle
und Stimmungen weiß Händel in großartige, lebendige und zu Herzen gehende Musik
zu verwandeln. Er selbst schätzte das Werk so hoch, dass er es als 1. Teil
seines späteren Oratoriums „Israel in Egypt“ verwendete.
Johann Sebastian Bachs Kantate „Aus der Tiefe“ zählt zu den frühesten
Kantaten Bachs überhaupt und entstand in seiner Zeit in Mühlhausen, wo er ein
Jahr das Organistenamt bekleidete. Das Werk entstand 1707 – im gleichen Jahr, in
dem der gleichaltrige Händel „Dixit Dominus“ komponierte. Der Anlass zu dieser
Komposition war wohl ein Trauergottesdienst für die Opfer des Brandes, der 1707
große Teile Mühlhausens in Schutt und Asche gelegt hatte.
Bach vertont in drei großen Chören und zwei Arien den Psalm 130 und fügt diesem
in den Soloarien zwei Choralstrophen des bekannten Beerdigungschorals „Wenn mein
Stündlein vorhanden ist“ bei. Bach verwendet also dasselbe damals bekannte Lied
für seine Kantate wie Händel in seinem „Funeral Anthem“!
Das Werk weist dieselbe Symmetrie auf, die wir aus vielen späteren Bachwerken
kennen und, wie immer bei Bach, ist diese Binnenstruktur von größter
inhaltlicher Konsequenz. So steht im Zentrum des Werks der Chor „Ich harre des
Herrn“, der sozusagen den Wendepunkt der Komposition darstellt – aus der Tiefe
der Klage zur Hoffnung auf Erlösung!
Auffällig ist, dass die Kantatensätze keine rein selbstständigen Sätze sind,
sondern verschiedene kleine ineinander übergehende Abschnitte, die nach dem
Reihenprinzip der Kantate des 17. Jahrhunderts aneinandergefügt werden.
Die Kantate besitzt alle Vorzüge eines Jugendwerkes. Wenn Bach hier Motive und
Formen noch unbekümmert aneinander reiht, wird er sie später noch bewusster und
folgerichtiger verknüpfen und verarbeiten. Dennoch spürt man in diesem Frühwerk
die jugendliche Kraft des großen Genies, seine Überfülle an musikalischen
Einfällen und Gedanken.
Im Jahre 1706 reiste der junge Händel nach Italien, dem damaligen unbestrittenen
Zentrum der Kunst. Dort komponierte er zahlreiche geistliche Werke, die
umfangreichste Komposition davon ist das „Dixit Dominus“, eine Vertonung
des 110. Psalms, in der es um die endgültige Machtübergabe von Christus am Ende
aller Tage geht. Dabei werden Bilder aus der alttestamentarischen Zeit
verwendet, die in ihrer Dramatik und Drastik (Christus und das Weltgericht)
Händel wohl zu dieser grandiosen Psalmvertonung inspiriert haben.
In diesem Werk bietet der
Zweiundzwanzigjährige gleichsam alles an kompositorischer Kunst auf, was er an
den verschiedenen Orten seines Werdegangs gelernt hatte. Die Gesangsthemen sind
sehr instrumental gehalten – in seinen Anforderungen an die Sänger ist er
unbarmherzig, verlangt eine unglaubliche Beweglichkeit, deklamatorische
Leidenschaft und lyrische Ausdrucksfähigkeit. All dies verleiht dem Psalm eine
atemlose Überschwänglichkeit, als wollte der junge Händel seine Gastgeber in
Italien zu immer kühneren Meisterleistungen herausfordern. Und doch sind die
Chöre bei aller Virtuosität und Drastik von gewaltiger kontrapunktischer
Architektur. So zitiert Händel in seiner großartigen überdimensionierten
Schlussfuge ein gregorianisches, österliches Thema, das er schon im Eingangschor
verwendet, um so den großen Bogen über die vielen musikalischen Gedanken und
dramatischen Bilder zu spannen.
Michaela Prentl