Die große Messe in h-moll von J. S. Bach hat der Schweizer Musikhistoriker Hans Georg Nägeli bereits 1818 (noch vor der ersten Gesamtaufführung) prophetisch als „das größte musikalische Kunstwerk aller Zeiten und Völker“ gepriesen und in der Tat zählt sie zu den singulären Meisterwerken der musikalischen Weltliteratur.
Die h-moll-Messe nimmt in Bachs Gesamtwerk eine herausragende Sonderstellung ein. Sie ist Bachs einzige Vertonung des kompletten lateinischen Messetextes und darüber hinaus das einzige seiner geistlichen Werke, für das er offenbar nie eine vollständige Aufführung vorgesehen hatte. Bach arbeitete rund 25 Jahre an der Komposition, gleichsam bis zu seinem letzten Atemzug.
Den Sanctus-Chor hatte er bereits 1724 anlässlich der Christvesper in Leipzig aufgeführt. Die Teile Kyrie und Gloria (die sogenannte protestantische „Missa“) komponierte er 1733, um am katholischen Dresdner Hof den Titel des „Hofcompositeurs“ zu erwerben. Ob diese beiden Teile zu Bachs Lebzeiten jemals erklungen sind, ist nicht überliefert. Das Symbolum Nicenum (=Credo) und die letzten vier Stücke (Osanna, Benedictus, Agnus Dei, Dona nobis pacem) wurden der Partitur erst 1748 hinzugefügt, gehören also zu seinen absoluten Spätwerken. Auffällig ist, dass Bach für die h-moll-Messe viel Kompositionsmaterial aus eigenen früheren Kantaten entnommen, umgearbeitet und verfeinert hat (sog. „Parodieverfahren“). Die Komposition der h-moll-Messe durchzieht also Bachs nahezu gesamtes musikalisches Schaffen. Das macht deutlich, welche ungeheure Vielschichtigkeit in diesem einen Werk gebündelt liegt. Denn dem Zauber und Wunder der h-moll-Messe kann sich auch heute niemand entziehen: was sollen wir mehr bestaunen, die musikalische einmalige Großarchitektur, ihre innere Geschlossenheit, ihren unvorstellbaren, unerschöpflichen Reichtum an musikalischen Ausdrucksmöglichkeiten oder einfach nur die zutiefst Herz und Verstand berührende Musik?
So versteht sich dieses Werk nicht nur als Zusammenfassung all seines Schaffens, sondern auch als Vermächtnis an seine Nachwelt. Zeitlos gültig, unabhängig von Sprache und Religion, setzt sich Bach mit der zentralen Aussage christlichen Glaubens auseinander. Und so wird in seinem Symbolum Nicenum, das nicht nur Bachs christliches sondern auch sein künstlerisches Credo ist, das eindrucksvolle Chor-Triptychon mit den drei Hauptelementen christlichen Glaubens (Menschwerdung, Kreuzigung und Auferstehung) zum Zentrum der Komposition.
Für einen Chor stellt die Erarbeitung der h-moll-Messe die höchste Herausforderung dar. Bei allen technischen und musikalischen Schwierigkeiten, mit denen wir uns im Laufe des vergangenen Jahres konfrontiert sahen, konnten wir doch spüren, wie uns die Musik immer wieder im Innersten berührt und bereichert.
Dass wir dieses Werk in dem diesjährigen Festkonzert anlässlich unseres 25-jährigen Chorjubiläums und der 10-jähriger Zusammenarbeit mit dem Orchester „La Banda“, mit dem uns eine musikalische „Seelenverwandtschaft“ verbindet, aufführen dürfen, erfüllt mich mit großer Freude und Dankbarkeit!Michaela Prentl