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Vivaldi-Bach-Händel

Vivaldi – Bach – Händel : Drei große Komponisten der Epoche des Barock an einem Abend mit herausragenden und glänzenden Chorwerken zu verbinden erscheint uns besonders reizvoll.

Das Gloria des Venezianers Antonio Vivaldi, 1714 für das berühmte Mädcheninternat „Ospedale della Pietà“ komponiert, beginnt mit einer mitreißenden Orchestereinleitung, dessen einprägsame Trompetenfanfaren und rauschenden Streicherfiguren den weihnachtlichen Engelsgesang in unnachahmlicher Weise widerspiegeln. Aber welch ein Kontrast zu dem nachfolgenden „Et in terra pax“! Hier der überschäumende Himmelsgesang der Engel, dort ein an Dissonanzen und Chromatik reicher Satz, der auf seltsam wehmütige Weise den Frieden einer erlösungsbedürftigen Welt erst noch zu erhoffen scheint. Der große Reichtum der Kontraste und musikalischen Mittel des ganzen Werks folgt wohl auch der inneren Logik eines umfangreichen „Concerto grosso“, dessen Vielzahl im Schaffen Vivaldis ins Auge fällt. Im Zentrum des „Glorias“ steht das bezaubernde Siciliano „Domine Deus“, eine Hirtenmusik für Sopran und Oboe. Durch motivische Verzahnung der verschiedenen Sätze und die Wiederholung des charakteristischen Einleitungsmotivs bei „Quoniam tu solus sanctus“ erreicht Vivaldi eine große innere Geschlossenheit und setzt mit der Fuge „Cum sancto spiritu“ einen glanzvollen Schlusspunkt.

Die Kantate zum 1.Weihnachtsfeiertag „Christen, ätzet diesen Tag“ BWV 63 gehört zu den wenigen Kantaten, die Bach so sehr geliebt hat, dass er sie mehrfach zu seinen Lebzeiten aufführte. Komponiert 1714 in Weimar verwendete sie Bach zum zweiten Mal zu Weihnachten 1723, seinem ersten Amtsjahr in Leipzig. Er komponierte zu diesem Anlass lediglich das „Sanctus“ BWV 238 neu hinzu, das deutliche Züge des reifen Bach zeigt und in seiner Virtuosität eine Herausforderung für jeden Chor darstellt.

Das Werk „Christen, ätzet diesen Tag“ verlangt in dem großräumig angelegten Eingangs- und Schlusschor eine für das Bachsche Kantatenwerk ungewöhnlich reiche Orchesterbesetzung – die vier Instrumentengruppen (Blech, Holz, Streicher und Singstimmen) veranstalten buchstäblich einen Wettbewerb um diesen bedeutsamen Tag auszurufen, ja, in Stein zu meißeln: „Christen, ätzet diesen Tag in Metall und Marmorsteine“! Neben jubelnden, tanzenden Sätzen beinhaltet das Werk aber auch meditative Momente voller Innerlichkeit, die zum Nachdenken über die Bedeutung des Christfests auffordern. Auffällig ist, dass Bach diese Kantate zwar für den ersten Weihnachtstag schrieb, sie aber keinen betont weihnachtlichen Charakter aufweist, keine Hirtenmusik, kein Wiegenlied, keine Weihnachtschoräle! Bach geht es offenbar nicht um die Idylle des Weihnachtsgeschehens, sondern um die zentrale Botschaft des Christfests: das Kind Jesu, das in der Krippe geboren wird, ist der Heiland der Welt, der seinen Weg bis zum Kreuz gehen wird und damit den Mächten des Bösen entgegentritt („lass es niemals nicht geschehen, dass uns Satan möge quälen“).

Händels Dettinger Te Deum, aus Anlass des Sieges der Engländer über die Franzosen in der Schlacht bei Dettingen 1743 komponiert, entstand im Umfeld vieler wichtiger Oratorien Händels. So ähnelt sein „Dettinger Te Deum“ mit seinen sich abwechselnden Stimmungen und Gedanken einem kleinen englischen Oratorium und die Anklänge an, manchmal gar wörtlichen Zitate aus seinem geliebten „Messiah“ sind unüberhörbar. In prächtigen trompetengeschmückten Lob- und Dankgesängen preist das Volk, also der Chor, der der Hauptakteur des Werks ist, die göttliche Dreieinigkeit für den Sieg; darin liegt auch die Hoffnung auf Frieden verborgen. Aber gerade auch die kontemplativen Momente sind im Gegensatz zu Händels früheren „Te Deum“-Vertonungen deutlich breiter ausgestaltet. Hervorzuheben ist die Episode „We believe that thou shalt come to be our judge“, in der Händel mit den Mitteln der Musik eine Vision des Jüngsten Gerichts evoziert: eine Trompetenfanfare, zitiert aus seinem „Messiah“, stellt die Posaunen des Weltgerichts dar, auf die hin der Chor in einem angstvollen, hilfesuchenden Gestus in ein Gebet einfällt, das eher den Auferstandenen des Jüngsten Tag als der gläubigen Gemeinde zuzuschreiben ist. Bewegend auch der Schlusschor, der nicht wie üblich als Chorfuge gestaltet ist, sondern mit einem zaghaften, hoffnungsvollen Flehen beginnt und sich immer mehr steigert zu froher Gewissheit: „Let me never be confounded“!

Michaela Prentl