Erlebnisbericht vom
Konzert des SebastianChores München am 14.7.07:
Kann der Besuch eines geistlichen Chorkonzertes ein spannendes Erlebnis
sein? Ja, es kann. Der SebastiansChor München hat in seinem letzten
Konzert einmal mehr bewiesen, dass ein solches Konzert Spannung pur zu
vermitteln vermag.
Auf dieses Konzert war ich besonders gespannt, da mir zwar der Chor
bekannt, aber das Repertoire zum größten Teil völlig unbekannt war.
Dadurch war schon ein Spannungseffekt gegeben. Gängige Marienlieder
kannte ich lediglich aus meiner Zeit als Kirchenorganist während meiner
musikalischen Ausbildung. Ich begab mich also musikalisch gesehen in die
Höhle des Löwen. Umso mehr war ich zunächst davon überrascht, wie viele
namhafte Komponisten aus ganz Europa über die Epoche von Orlando di
Lasso bis in die Gegenwart sich mit diesem Metier auseinander setzten
und höchst anspruchsvolle Chorwerke komponierten. Ich glaubte über diese
Komponisten genug zu wissen und wurde eines Besseren belehrt.
Es will gut überlegt sein, sich überhaupt mit der Aufführung solch
anspruchsvoller Werke zu befassen. Das tat sicher auch der
SebastiansChor München mit seiner Dirigentin. Sie haben viel gewagt und
dabei auch die Erwartungen derer übertroffen, die durch die Leistungen
des Chores schon "verwöhnt" wurden. Bereits der Auftakt mit einem
Doppelchor, einer ohnehin schwierigen und sehr selten anzutreffenden
Disziplin, gelang überzeugend, und man spürte: Heute gibt es wieder
etwas Außergewöhnliches zu hören und zu erleben. Eine Steigerung des
Spannungsbogens schien kaum mehr möglich, das beste Pulver schon
verschossen zu sein. Aber wieder wurde ich eines Besseren belehrt. Ich
musste kurz daran denken, dass zu Lebzeiten von Heinrich Schütz das für
uns Heutige Außergewöhnliche musikalischer Alltag war. Solche Werke
lassen erahnen, wie viel von der Kunst des Chorgesanges bis in unsere
"moderne" Zeit verloren ging!
Auf die Bruckner-Werke war ich besonders gespannt, zumal ich seinerzeit
bei Celibidache viel über die Aufführung von Bruckner-Werken lernen und
erfahren konnte. Es gilt auch in Expertenkreisen als ausgemacht:
Entweder gibt es "Barock- und Frühklassikspezialisten" oder es gibt die
"Spätklassiker" und Romantiker". Darüber macht sich der SebastiansChor
offenbar kaum Gedanken, und deshalb beherrscht er jedes Metier. Der
klare, schlanke und transparente Klang des Chores wird sicher eher der
Barockmusik als Vorteil zugeschrieben, er kann aber auch in
spätromantischen Werken neue Akzente setzen und so dazu führen, dass
diese Werke etwas andere Klangeindrücke vermitteln und so klanglich neu
entdeckt werden. Der Solist Jens Franke überzeugte als Tenor durch
sichere Intonation, warm und angenehm wirkende Stimme, Dynamik mit
großer räumlicher Tiefe und saubere Aussprache; er brachte seinen Part
einfach "rüber". Gute Solisten erkennt man mitunter an ihrer Begleitung
- und darüber dürfte sich auch Franke nicht beklagen. Kleinigkeiten wie
ein sauberes Erscheinungsbild sowie das reibungslose und schnelle
Umstellen des Chores zu verschiedenen Formationen zeugen von hoher
Professionalität.
Die Dirigentin Michaela Prentl erlebte ich als besonders konzentriert,
energiegeladen, aber auch mit sparsamer, feiner und mitunter strenger
Gestik. Dabei war jede ihrer kleinsten Bewegungen und Veränderungen
ihrer Mimik sofort hörbar. Sie schien das Letzte an Stimme und Klang aus
ihrem Chor herausholen zu wollen. Dies im geschlossenen Einsatz, im
abgestuften Klangbild, in der Agogik und Dynamik - im kräftigen Forte
und auch im feinsten Piano, wobei alle Stimmen und ihr Zusammenklang
hörbar blieben. So entsteht der musikalische Raum, der wiederum die
Enstehung und Entfaltung von Emotionen ermöglicht. Prentl weiß genau,
wie es klingen und wirken soll, und kann dies auch vermitteln. Eine
solche Vorstellungskraft und Detailkenntnis will gründlich erarbeitet
und vorbereitet sein - und man kann sich denken, wie viel an Arbeit und
Mühe hinter einem solchen Entstehungsprozess verborgen liegt.
Ein Lob
auch für die Stimmbildnerin und Gesangspädagogin Angela Wendebourg, die
die stimmtechnischen Grundlagen mit dem Chor erarbeitet, damit solche
Aufführungen erst möglich sind.
Auch die Programmfolge, die mitunter als gut gehütetes Geheimnis für
einen Konzerterfolg gilt, wird mangels entsprechender Kenntnis oft
sträflich vernachlässigt, erschien hier dagegen wohl überlegt. Es ist
z. B. nicht einfach, verschiedene Tonarten aneinander zu reihen und
einen Chor jeweils darauf einzustimmen. Das merkt man besonders dann,
wenn man den Großteil des Repertoires nicht kennt und das innere Gefühl
die innewohnenden Stimmungen einer Tonart und eines Tonartwechsels
widerspruchslos aufnimmt. Tonarten und ihr Wechsel haben große
Wirkungen. Sie unterstützen die Botschaft der Musik und des Komponisten.
Auch dieses Know-how und das Gefühl dafür ist im Laufe der Zeit vielen
verloren gegangen. Im Konzert bekam man beispielhaft vorgeführt, wie man
damit umgehen kann und dass es funktioniert. Dies kompensiert auch die
verschiedenen Sprachen der vorgetragenen Werke, die wohl die meisten
Zuhörer rational kaum, aber so gesungen intuitiv dennoch verstehen.
Das Konzert war für mich - und ich denke, auch für die anderen Zuhörer -
ein Spiel mit Überraschungen. Ein Spiel haben wir immer dann, wenn man
nicht weiß, wie eine Handlung endet - auch eine musikalische Handlung
mit großen und kleinen Spannungsbögen, mit dynamischen Wendungen und
wechselnden Eindrücken usw. Das ist der Stoff, der seit Urzeiten
epochale Kunst mit Unterhaltung im Sinne von spürbarem Erleben
verbindet. Davon möchte man mehr. Fortsetzung folgt ... beim nächsten
Konzert in St. Sebastian.
Carl F. Hartmuth
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Aus dem
OVB (Oberbayrisches Volksblatt, Rosenheim) vom 19.7.2007:
«Ave Maria» als
Cantus firmus des Marienlobs
Neben dem linken Seitenaltar mit der großartigen
Verkündigungsgruppe der Pfarrkirche Schleching hatte der
Sebastians-Chor aus München-Schwabing Aufstellung genommen, um
das Marienlob zu singen.
Das Konzert unter dem Titel «Magnificat» gipfelte im «Deutschen
Magnificat» von Heinrich Schütz; es begann jedoch (theologisch
einwandfrei) mit einem Gotteslob aus der Feder eben dieses
Komponisten, dem doppelchörigen Psalm 100 «Jauchzet dem Herrn,
alle Welt». Die etwa 40 Sängerinnen und Sänger unter der Leitung
von Michaela Prentl intonierten in hellem Klang, ohne Schärfe,
auch im Forte immer locker und unangestrengt. Von Orlando di
Lasso hörte man später noch die lateinische Version dieses
Textes.Das «Ave Maria» von Tomás de Victoria aus derselben
Epoche wurde im Konzertverlauf kontrastriert mit dem
siebenstimmigen «Ave Maria» von Bruckner, überzeugend dargeboten
in Dynamik und Agogik, und der Vertonung von Morten Lauridsen
(geboren 1943) aus dem Jahr 1997, die sich als ständiges Fließen
an- und abschwellend darstellte - dieser Gruß des Engels Gabriel
an die Jungfrau ist der wahre Cantus firmus der marianischen
Gesänge durch die Jahrhunderte der Musikgeschichte.
Vom «Ave, maris
stella» hörte man zwei Vertonungen, die eingefühlte von Grieg,
bei der der kristallklare Frauenchor brillierte, und die des
weltgewandten Liszt, klangschön und sinnvoll, doch klug auf
Effekt komponiert. Ganz anders wieder wirkte die redliche
Tonsprache von Rheinberger in seinem «Salve Regina».
Ein Exkurs zur
russischen Schule gewährte einen tiefen Einblick in die
«russische Seele»: Tschaikowskys Hymne «Dostoino yest» begann in
verhaltenem Moll und entwickelte sich emphatisch zu einem
strahlenden Dur-Schluss, die schwärmerische Osterbotschaft
«Angel vopijase» des Engels an Maria gipfelte in einer
grandiosen Vision des Neuen Jerusalem - Musik ganz aus dem
Gefühl der Ostkirche. Wie ein «Ave Maria» aus dieser Stimmung
heraus klingt, zeigte der Chor mit Rachmaninows mitreißendem «Bogoroditsye
Dyevo».
Ein absoluter
Höhepunkt war Bruckners selten zu hörendes «Tota pulchra es»,
makellos dargeboten vom Solo-Tenor Jens Franke und vom Chor
adäquat nachempfunden. Auch das «Salve Regina» von Poulenc, vom
achtstimmigen Favoritchor vorgetragen, berührte in Poulencs
ansprechender und wirkungsvoller Tonsprache. Brittens «Hymn to
the Virgin», bei dem ein Soloquartett von der Empore aus
lateinisch den englischen Text des Chors kommentierte,
überzeugte gerade durch die ehrliche Schlichtheit der ersten
beiden Strophen; die Intensität der dritten war ein
beeindruckender Gegensatz dazu.
Mit Coplands
«Sing Ye Praises to Our King» und «Help us, o Lord» kam man,
allerdings in sehr artifizieller Gestaltung, der Gefühlswelt des
Gospels nahe, bevor sich der «musikalische Rosenkranz» mit dem
«Deutschen Magnificat» von Schütz schloss. Da wuchs der Chor
über sich hinaus, interpretierte textgetreu, notensicher
sowieso, mit geschmeidig-problemlosen Rhythmuswechseln.
Nach diesem
umfassenden Durchgang durch die Geschichte des Marienlobs
erklatschten sich die beeindruckten und begeisterten Zuhörer
noch einmal Rachmaninows klangfülliges «Ave Maria».
Von Engelbert Kaiser
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