Ein Konzert der sensibel-überzeugenden Art


Die Chorgemeinschaft St. Sebastian aus Schwabing war zu Gast auf dem Streichen

Bei den Konzerten in der Streichenkirche ist sich der Berichterstatter nie sicher (keine Angst, es folgt diesmal kein Wetterbericht!), welche Besetzung oder Art von Musik ihm dort am meisten zusagt: ein Solokonzert (mit Harfe etwa), ein Gitarrenduo, ein Waldhornquartett, ein Liederabend mit Streichquartett oder Barockensemble, eine Saitenmusi oder ein Bläserquintett? Seit dem Konzert der Chorgemeinschaft St. Sebastian, Schwabing, hat er eine Antwort auf sein Problem: Es sind immer die Menschen, die dort gerade singen oder musizieren, die am besten ins Kircherl passen ! „Es fügte sich“, so Schlechings Heimatkundler Hartmut Rihl, dass „durch familiäre Bande“ die Chorgemeinschaft St. Sebastian in die Apsis der Streichenkirche gebeten werden konnte, eine äußerst disziplinierte Truppe von etwa 40 Sangesbegeisterten unter der freundlichen, aber unnachgiebigen Leitung von Michaela Prentl, die dieses Ensemble seit 1983 betreut und neu geformt hat. Nach einem hochgenauen und sensiblen Einstimmen offenbarte sich die Einheit von Gesang und Raum mit Hugo Distlers vielschichtigem „Lobe den Herrn“, gefolgt von dem wohlklingend spätromanischen "Beati quorum via“ des Iren Sir Charles Villiers Stanford. Aber auch das Marienlob kam nicht zu kurz: mit Edvard Griegs in kurzen Textabschnitten flexibel gehaltenem »Ave Maria« kontrastierten Rachmaninows »Ave Maria« und Tschaikowskys »Hymne an die Jungfrau Maria«, zwei Vertonungen, die die Zuhörer tief in das orthodoxe Empfinden und seine Marienfrömmigkeit eintauchen ließen. Als südeuropäisches Gegenstück dazu folgte das volltönende, sehr textfühlsame »O Padre nostro« von Guiseppe Verdi. Der „Favoritchor“ aus fünf Frauen- und vier Männerstimmen bot Rossinis Satz „Quando corpus morietur“ aus dem „Stabat mater“ in betörender Transparenz und Schönheit, die in der Aussicht auf „paradisi gloria“ gipfelte, mit dem geschmeidig flehenden „Salve Regina“ von Poulenc stieß dieses Ensemble dann doch in Grenzbereiche vor. Die Moderne war weiteres vertreten mit „Peace I leave with you“ des Altmeisters der norwegischen Vokalmusik Knut Nystedt (geb. 1915) und dem Franz von Assissi-Text – „O Herr, mache mich zum Werkzeug deines Friedens“, der in der Vertonung von Kurt Hessenberg (1908-1994) zum Höhepunkt des Konzerts wurde. Was der Chor hier, stark in der Intensität des Flehens und der eigenen Bereitschaft, vor uns ausbreitete, mündete in die zentrale Bitte „dass ich Liebe übe, wo man sich hasset“ und in die sichere Zuversicht „der erwacht zum ewigen Leben“ - eine tieflotende Textdeutung, die erst und nur durch das bekräftigende „Amen“ aufgefangen und erlöst wurde. Neben dieser Neuentdeckung konnten sich die altvertrauten Motetten Bruckners, „Tota pulchra es“ in unbeschreiblich schönem Wechselgesang zwischen Solo-Tenor (Jens Franke) und Chor und das extreme Intervallanforderungen stellende und langen Atem verlangende „Os iusti“, konnte sich Bartholdys geliebter Psalm 100 („Jauchzet dem Herrn alle Welt“) sehr wohl behaupten; Rheinbergers Abendlied „Bleib bei uns“ entließ begeisterte und dankbare Zuhörer in den heraufdämmernden Abend.
 

Engelbert Kaiser

Traunsteiner Tagblatt, Ausgabe 16.7.2004

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